Unfallversicherung für einen Schüler beim Bahnsurfen

Ein Schüler ist in der Schülerunfallversicherung versichert, wenn er beim Bahnsurfen auf dem Heimweg von der Schule einen Stromschlag erleidet.

In dem hier vom Bundessozialgericht entschiedenen Fall bestieg der damals knapp 16-jährige Gymnasiast nach Schulende den Regionalexpress, um nach Hause zu fahren. Während der Fahrt öffnete er die verschlossene Durchgangstür des letzten Waggons mit einem mitgeführten Vierkantschlüssel und stieg auf die dahinterliegende, den Zug schiebende Lok. Auf dem Dach wurde er von einem Stromschlag aus der Starkstrom führenden Oberleitung erfasst und stürzte von der Lok. Er überlebte schwer verletzt und zog sich unter anderem hochgradige Verbrennungen von circa 35 % der Körperoberfläche zu.

Anders als erstinstanzlich das Sozialgericht Potsdam1 hat das Landessozialgericht Berlin-Brandenburg in der Berufungsinstanz einen Arbeitsunfall verneint und die Klage abgewiesen2. Bei Schülern sei zwar Wegeunfallversicherungsschutz auch für spielerische Betätigungen zu bejahen, wenn diese sich unter Berücksichtigung besonderer schülergruppendynamischer Prozesse noch im Rahmen hielten. Im Falle des Klägers sei indes keine besondere Gruppendynamik erkennbar. Der Geschehensablauf lasse vielmehr eine zielgerichtete Zäsur der versicherten Heimfahrt erkennen. Zum Unfallzeitpunkt habe der Kläger auch über die geistige Reife verfügt, die Gefährlichkeit seines Handelns zu erkennen. Das Bundessozialgericht sah dies nun anders; es hat auf die Revision des Schülers einen Wegeunfall festgestellt und damit anders als das Landessozialgericht Berlin-Brandenburg Versicherungsschutz des Klägers in der Schülerunfallversicherung bestätigt:

Zu Unrecht hat das Landessozialgericht Berlin-Brandenburg das zusprechende Urteil des Sozialgerichts Potsdam aufgehoben und die Klage abgewiesen, entschied das Bundessozialgericht. Der Kläger hat einen Wegeunfall erlitten als er im Januar 2015 nach Schulende während der Heimfahrt mit dem Regionalexpress auf die den Zug schiebende Lok stieg und dabei einen Stromschlag erlitt.

Bei Schülern besteht Unfallversicherungsschutz auch für spielerische Betätigungen im Rahmen schülergruppendynamischer Prozesse. Auch im Falle des Klägers ging es bei wiederholten Surfaktionen darum, im befreundeten Schülerkreis „cool“ zu sein. Die von ihm selbstgeschaffene Gefahr schließt den Unfallversicherungsschutz nicht aus. Mit seinen erfolgreichen Surfaktionen in der Vergangenheit hat der Kläger vielmehr eine Sorglosigkeit erworben, die zu einer massiven alterstypischen Selbstüberschätzung führte und ihn darauf vertrauen ließ, es werde weiterhin alles gut gehen. Entgegen der Vorinstanz bieten gute Schulzeugnisse insoweit auch bei hohem Risiko keinen Schutz vor alterstypischer Selbstüberschätzung. Weder hat schließlich die räumliche Entfernung von den anderen Schülern die Gruppendynamik entfallen lassen noch der Aufstieg auf die Lok den unmittelbaren Heimweg mit dem Regionalexpress unterbrochen oder sonst gelöst.

 

BSTG, Urteil vom 30. März 2023 – B 2 U 3/21 R

  1. SG Potsdam, Urteil vom 18.11.2016 – S 12 U 1/16[]
  2. LSG Berlin-Brandenburg, Urteil vom 11.06.2020 – L 3 U 4/17[]